Barock in Streetart transformiert

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BAYREUTH. Es ist ein Projekt, das die Wiedereröffnung des Markgräflichen Opernhauses und seine Erbauerin Markgräfin Wilhelmine wirklich in die Stadt bringt und in allen Bevölkerungs- und Altersschichten Aufsehen erregt: „She‘s back – Streetart für Bayreuth“. Koordiniert wurde das Gemeinschaftsprojekt mit einer P-Seminarklasse des Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasiums (MWG) von der 24-jährigen Jessica Matijevic mit ihrer „I know a Guy Gallery“.

Im Rahmen des Projektes wurden an sechs Stellen in der Bayreuther Innenstadt im Umfeld des Unesco-Welterbes Markgräfliches Opernhaus insgesamt sechs Hauswände, Garagentore und eine Tiefgarageneinfahrt von weltweit in der Szene bekannten Streetart- Künstlern mit imposanten Kunstwerken neu gestaltet, erklärte Jessica Matijevic im Gespräch mit der Bayreuther Sonntagszeitung.

Die Initiative für das Projekt kam vom MWG. „Dr. Stefan Mayer, Kunstlehrer am MWG, ist der Vater meines Freundes. Er hat mir die Idee vorgestellt und wir haben beschlossen, dies gemeinsam umzusetzen. Seit über einem halben Jahr war ich zusammen mit den Schülern mit den Vorarbeiten beschäftigt. Ich suchte weltweit nach den passenden Künstlern für das Projekt. Ich habe den Künstlern, die ich ins Auge gefasst hatte, einfach neben der Projektbeschreibung ein Bild vom Inneren des Markgräflichen Opernhauses geschickt. Alle waren begeistert und erklärten sich zur Mitarbeit bereit. Dies zeigt den internationalen Wert Wilhelmines für Bayreuth“, so Jessica Matijevic.

Die für Bayreuth prägende Kunstepoche des Barock und Rokoko wird im Rahmen des Projektes durch eine Kunstform des 21. Jahrhunderts, die „Streetart“ neu interpretiert und soll so quasi wieder neu auferstehen. „Dadurch wollen wir das Publikumsspektrum erweitern und vor allem der Jugend sowie nicht so an Kultur Interessierten Zugang zu dieser vielschichtigen und prunkvollen Epoche verschaffen. Auf diese Weise wird sowohl die Kunst im öffentlichen Raum gefördert als auch die Stadt Bayreuth attraktiver gestaltet“, so die Koordinatorin.
Bei der Suche nach geeigneten Hausflächen für die Kunstwerke wurde Jessica Matijevic im Vorfeld von der Stadt unterstützt. Die Stadt stellte eine Fläche an der Stadtbibliothek selbst zur Verfügung und empfahl weitere private Flächen. Die Verhandlungen mit den anderen Hausbesitzern wurden positiv abgeschlossen.

Sehr wichtig war auch die Suche nach Sponsoren, schließlich kostet das Projekt eine mittlere fünfstellige Summe. Da sich der „Förderkreis Skulpturenmeile Bayreuth e.V.“ als Träger zur Verfügung stellte, konnten auch öffentliche Zuschussgeber wie die Oberfrankenstiftung, das Programm „Aktive Zentren“ der Städtebauförderung oder der Kulturfonds Bayern angesprochen werden. „Unter dem Strich gelang es, das Projekt, auch mit Hilfe von Firmenspenden oder dem Verzicht auf Aufwendungen, sicher zu finanzieren. So stellte etwa die Firma Wagert kostenlos Hubarbeitsbühnen für die Künstler zur Verfügung“, erklärte Jessica Matijevic. Über der Tiefgaragenzufahrt in der Richard-Wagner-Straße 42 verwirklichte Matthias Mross aus München, bekannt für seine Vorliebe für Hahn und Henne, eine Szene mit zwei Hähnen, die um die Gunst ihrer „Herzens-Henne“ buhlen. Die Handlung nimmt Bezug auf die Handlung eines Stückes von Voltaire, mit dem Markgräfin Wilhelmine eng verbunden war.

An der Münzgasse 8 hat der in Los Angeles beheimatete Künstler Drew Merrit ein etwa sechs Meter hohes Frauenportrait gestaltet. Das Bild transferiert das Schönheitsideal des 18. Jahrhunderts in die heutige Zeit. Casanova hatte Wilhelmines Tochter Elisabeth Friederike Sophie von Brandenburg-Bayreuth der Überlieferung nach einst als schönste deutsche Prinzessin bezeichnet. Drew Merrit nahm nun ein bekanntes Portraitgemälde der Prinzessin und transferierte das Schönheitsideal des 18. Jahrhunderts in die heutige Zeit, in dem er seine Freundin, die Schauspielerin Veronica Dash, im Stile des Elisabeth-Friederike-Sophie-Portraits in Szene setzte.

Künstler Stohead aus Berlin vermischt mit seinem Kunstwerk am Gebäude RW21 Stilmittel der Kalligrafie mit denen des Graffiti zu „Calligraffiti“ und konzipierte so kurzerhand eine eigene Fantasysprache.

An der Hauswand Badstraße 27 entstand ein Portrait der Markgräfin Wilhelmine ganz im Stil des österreichischen Künstlers NYCHOS mit dem Prinzip von anatomischen Schnitten.
Zusammen mit den zwölf Schülern aus dem P-Seminar des MWG gestaltete der deutsche Künstler „ELIOT the super“ fünf Garagentore an der Dilchertstraße mit Mops-Motiven neu. Hierbei wird auf den an die Freimaurergesellschaft angelehnten „Mopsorden“ in der Zeit der Markgräfin Wilhelmine angespielt.

Als sechstes Kunstwerk wird schließlich am Haus Badstraße 33 Jessica Matijevic selbst durch den Künstler „Case_maclaim“ abgebildet. „Case hat mich als Motiv ausgesucht, weil ich am gleichen Tag wie Wilhelmine Geburtstag habe und eine selbstbewusste Frau bin. Auf dem Bildnis habe ich die Memoiren der Markgräfin in der Hand“, so Jessica Matijevic.

Die 24-jährige Kunsthistorikerin Jessica Matijevic ist gebürtige Bayreutherin und mit ihrer mobilen „I know a Guy Gallery“ international in der Streetart-Szene verwurzelt. Als letztes Projekt vor dem in Bayreuth organisierte sie die Neugestaltung der Wände eines Roof-Top-Restaurants am Deutschen Haus in Vietnam, ihr nächstes Projekt hat sie in Hongkong.

Auch für die Bayreuther Festspiele könnte sie sich ein Streetart-Projekt mit Motiven zu den verschiedenen Wagner-Opern vorstellen. „Geeignete Künstler hätte ich schon. Vielleicht lässt sich das ja realisieren“, hofft Jessica Matijevic.

Im Liebesbier gibt es derzeit außerdem eine Ausstellung mit Leinwandwerken der beteiligten Streetartkünstler.

rs

Im Bild: Koordinatorin Jessica Matijevic und Künstler Matthias Mross vor dem „Hähne und Henne“-Streetartmotiv über der Tiefgaragenzufahrt an der Richard-Wagner-Straße 42.
Foto: Rudi Ziegler